Es war bei einem jener langen Schlechtwetter-Dauerläufe im vergangenen Winter, als Martin trotz Graupelschauer zu sprechen anfing und seinen müden Begleiter damit aus dem Läufer Wachkoma schreckte. Er kündigte große Ereignisse in der kommenden Saison an. Er hatte einen Plan ge“schmidt“et.
Kraft seines Amtes als Leistungssportwart im TV Dresden hatte Martin ersonnen, wie man unmotivierte und einzelgängerische Sportler-Nieten zu leistungsfreudigen Teamathleten formen und nebenbei zu Fitnessbolzen stählen könnte. Schlagworte wie Trainingsgruppe, Leistungsüberprüfung und Teamwettkampf fielen dabei. Darunter auch ein ganz heißes Eisen : Die Aussicht auf ein verlängertes Trainingswochenende in der Triathlon/Radsport-Talentschmiede Cottbus.
Um dann nicht so defizitär und peinlich aufzufallen, trainierten natürlich die meisten sehr motiviert durch den langen kalten Winter. Trotz Martins‘ straffer Trainingsplanung wurde so aus der am verlängerten Himmelfahrt-Wochenende angesetzten Vier–Tages-Trainingsoffensive keineswegs en Himmelfahrtskommando.
Generalsstabsmäßig organisiert verließen am Tag X zwei Autos und ein Fahrradfahrer („Zum Männertag darfst Du mal radeln, Max“) mit TV-Besatzung und schwerem Sportlergepäck Dresden Richtung Cottbus, Martins Kinderstube. Dort hatte nach dem generösen Motto „Mi casa es su casa“ oder einem Anflug von Mitleid der Familienrat der Flehmigs Martins Elternhaus inklusive Sonnenterasse der Horde vom TV Dresden als Homebase zur Verfügung gestellt. Um es vorweg zu nehmen – das Haus steht noch und der Rasen dahinter ist noch grün.
Protokoll Donnerstag
Gegen sieben Uhr in der Früh setzen sich die meisten Teilnehmer der Aktion rollend in Bewegung. Das sind: „Kampfkatze“ Jana, Nesthäkchen Anna (resp. Jaqueline und im Folgenden Jaqui [sprich: Dschaki] genannt), die endlich komplett in Dresden angekommene Jule, Grandseigneur Dr. Carsten Neise, Duathlon-Meisterin of the Universe Katja, der Cottbusser Leistungsträger Marvin, Max, der Chronist der Ereignisse und „Mir-habt-ihr-das-alles-zu-verdanken“- Martin.
Nachdem alle bis auf Katja und mir schon in oder auf dem Weg nach Cottbus sind, fahren wir Nachzügler mit dem Rad los. Katja kehrt nach 50km um. Sie kommt Freitagabend aus Dresden nach. Mir radelt dann aber die gesamte Truppe aus Cottbus entgegen, nachdem sie Quartier im Jasminweg bezogen hat. Das Treffen unterwegs klappt just in dem Moment, als Martin feststellt, dass sich die Wegbeschreibung aus seiner Rückentasche verabschiedet hat. Es folgen 120km
Radfahren, gespickt mit zügigem Tempotraining, einzeln, paarweise und im sog. Belgischen Kreisel.
Eine Übung, die Harmonie und Tempogefühl bedarf, aber unsere Gruppenarbeit scheint Martins Wohlwollen zu finden. Zurück im Quartier frönt man einem Kuchen- und Nudelimbiss und macht sich fertig für die Schwimm- (lang & locker) und Laufeinheit (kurz & locker) am Nachmittag. Den Abend verbringen wir lässig mit gammeln, Schlaf- und Essplatz-Verteilung, elektrisiert von PhysikSchulaufgaben, Gespräche über Essen, Martin beim Gemüsereibekuchen machen zuzuschauen und ihrer anschließenden Vernichtung. Letzteres hält mich bis tief in die Nacht auf Trab.
Mein Fazit: Das war ein gelungener Einstieg ins Trainingswochenende. Martins Reibekuchen sind verdammt lecker. Ein nächtlicher Spaziergang kann helfen, diese Tatsache zu verarbeiten.
Freitag
Am nächsten Morgen stranden wir in der „Lagune Cottbus“, einem schicken Erlebnis- und Sportbad mit innovativem Spind-Schließsystem (inkl. Spiel „Finde den passenden Spind, denn die Nummer steht nicht auf dem Armband“). Da Martin leider verletzt ist, übernimmt er den Coaching-Teil und scheucht uns lange und schnell durchs Wasser. Auf die etwa vier Kilometer Hauptprogramm folgt noch eine fünf-Meter-Entspannungseinheit, wo wir uns mal richtig fallen lassen können. Gott sei Dank bin ich noch zu benommen vom Schwimmen mit 9er Atmung, um mir meiner Angst bewusst zu werden.

Weiter geht’s mit dem Besuch einer gut etablierten Institution in Cottbus: Die Kaufhalle. Nicht nur schnödes leibliches Wohl, sondern Teamfähigkeit und Zusammenhalt der Gruppe sind hier der Hintergedanke. Als dann auch die letzte Backzutat gefunden wurde, sind wir in Gedanken aber schon bei dem nächsten Schmankerl, das Martin für uns bereithält. Nach einem reichhaltigen Mittagessen steht ein Athletiktraining im Kraftraum seiner ehemaliger Schule an. Wo sonst, wenn nicht hier kann man handsignierte Poster aus der Ära großer Namen wie „Hell on Wheels“ oder „Zäck Attack“ bestaunen? Unser neuer Freund heißt aber „Herkules“ – ein Trainingsgerät so monströs wie sein Name vermuten lässt. Besonders durch die Übung für die Trizeps-Muskulatur wird es mehr Endgegner als Freund. Da es sich ja um eine Zirkeltraining handelt, begegnen wir ihm permanent, und auch Oberschenkelübungen á la Hermann Maier lassen uns leise seufzen.
Wenigstens ist die darauffolgend Radeinheit ruhiger. Geplant war ein Training auf Cottbus‘ hochkarätigen (Triathlon-)Radrennbahn. Daraus wird leider nur eine Besichtigung, weil sie schon von hochkarätigeren Sportlern als uns für den Wettkampf genutzt wird. Hochkarätig ist hier im Sinne von „wesentlich größerem Oberschenkelumfang“ zu verstehen. Daher verschieben wir das Fahrtechniktraining in die sehr, sehr flache Landschaft um Cottbus. In voller Fahrt darf man mal beim anderen Lenken, sich anlehnen, Kopfnüsse verteilen, ihm ins Hinterrad fahren, sich an ihm vorbeiziehen und auch von ihm den Schlauch wechseln lassen. Triathlon-spezifisch soll es eben schon sein.

Einstimmig beschlossen wurde, abends auf den letzten Teil der (Kino-)Ironman-Reihe zu verzichten. So haben Carsten und Jaqui genug Zeit ihre Backkunst in der Tortenform aufgehen zu lassen und mein Beitrag zur Sättigung kommt noch auf den Tisch, bevor Katja mit dem Rad aus Dresden zu uns stößt. Statt nächtlichem Verdauungspaziergang mache ich heute lieber beim Tischtennismatch mit, erkenne aber, dass Reaktionszeit und Spieltechnik nicht ganz meine Talente sind. Daher gewinnen Martin und ich gegen die Damenkonkurrenz Jana und Katja nur mit einstelliger Differenz, während andere noch an ihren Rädern bastelt und langsam die Lichter ausgehen.
Fazit: Viertausend Meter horizontal durchs Wasser sind oft unaufgeregter als fünf Meter vertikal durch die Luft. Das Umland von Cottbus hat einen „Berg“. Ich habe das Fahrtechniktraining wirklich überlebt. Tischtenniskarriere ade.
Samstag
Nach einem, wie jeden Morgen, reichhaltigen Frühstück, absolvieren wir unsere Schwimmmeter gemeinsam mit dem TSV Cottbus unter der Anleitung von Trainer Jörg (muss ein Trainer so heißen?) und ohne Marvin, der unterdessen noch schnell einen Marathon-Paar-Duathlon gewinnt. Anschließend wird nach Hause gelaufen, wobei ich froh bin, dass ich trotz Wadenprobleme vier Kilometer am Stück fast schmerzfrei schaffe. Das ist bei intensiven GA2’s mit Carsten auf den Fersen beim Radfahren anders. Nachdem wir mit einem Grupetto Cottbusser Triathleten auf kleinen Sträßchen gekurvt sind, verbrennen wir nahe eines Tagebaues unser opulentes Mittagsessen (mit großartigem Kuchenbuffet). Beim Drücken gegen den Wind setzen wir vermutlich mehr Leistung frei als die umgebende Braunkohlekraftwerke zusammengenommen und fahren anschließend noch bis spätnachmittags locker in der Gruppe, um auf unsere geplanten Kilometer zu kommen.

Während die anderen zehn Kilometer Lauf koppeln, fahre ich der Wade zuliebe stattdessen noch ein Stück Rennrad und genieße das Flachland. Als die Sonne untergeht, finde ich im Domizil der Flehmig‘s ein reges Gewusel in der Küche vor, das wuseliger wird, als Martins inzwischen komplette Familie mit uns ein Bankett veranstaltet, dass keine Wünsche offen lässt. Auch nicht der meine, nach tradiertem rumänischen Rezept das Allheilmittel Knoblauch unters Volk zu bringen. Da wird der darauffolgende „Zinnaer Klosterbruder“ ganz weich und sanftmütig, bei launigen Tischgesprächen in ungezwungener Atmosphäre (wir waren ja alle per Du, fiel uns oft auf) verschafft er einen schönen Ausklang des erlebnisreichen Tages.
Fazit: Wundermittel Knoblauchsauce: Wie ich feststelle, beschert es einem sogar mehr Freiraum beim Schlafen. (http://www.rezeptewiki.org/wiki/Mujdei_-_Rum%C3%A4nische_Knoblauchsauce)
Sonntag
Den wunderschön-sonnigen Morgen beging man mit einem nüchternen GA1/2 Lauf, nun kann er auf der Terrasse beim Frühstück nicht besser werden. Abgesehen davon, gehen wir danach endlich wieder mal Schwimmen in die Lagune. Vor lauter Vorfreude schaffen es Katja und Carsten dann aber nicht ins Wasser. So bleibt es an uns Übrigen für genug Wirbel im Wasser zu sorgen. Das mündet für Marvin und mich im finalen Sprint und mal wieder in der obligatorischen fünf- Meter Einheit.
Langsam müssen wir leider ans Zusammenpacken und Abschiednehmen denken, denn nach dem sündhaft leckeren Mittagessen, steht die Abreise nach Dresden bevor. So bedanken und verabschieden wir uns bei Familie Flehmig, lassen unser Gepäck bei den Autos, die Martin und Jule später nach Dresden kutschieren, und radeln aus Cottbus hinaus Richtung Süden.
Leider sehen wir dort nach knapp dreißig Kilometern eine dunkle Wand lauern, in der es offensichtlich regnet. Jule, Karo und Martin drehen gerade wieder nach Cottbus um, als sie uns erreicht. Wir haben auf einmal Bedingungen, wie man sie in einer Autowaschanlage ohne Auto erlebt, nur um einigen Grad kühler. In Kamenz machen wir, verfroren wie wir sind, kurz Rast in einer Tankstelle und nehmen Tee und Schokolade zu uns. Noch wirkungsvoller erwärmt aber die
Fahrt über die Hügel, die sich nach Kamenz an das Flachland anschließen. Bis Radeberg sind wir größtenteils wieder auf angenehmer Betriebstemperatur und es trennen sich Katja und Carsten von Anna, Jana, Marvin und mir. Wir vier erleben auf den letzten Kilometern nach Hause leider dann ein ziemliches Desaster. Nachdem Marvin kurz vor dem Blauen Wunder einen Speichenriss hat, kann er nicht mehr weiterfahren. Während ich ihn suche, macht sich die frierende Anna auf den Weg heimwärts und ist verschwunden, auch nachdem ich ihr bis Heidenau hinterher bin und sie suche. Wie sich später herausstellt erlitt sie leider einen Sturz durch nasse Straßenbahnschienen und verletzte sich dabei. Gott sei dank kam aber auch sie letztlich zu Hause an. Gute Besserung auf diesem Weg, Jaqui.

Fazit: Das Ende der Heimfahrt – ein Desaster, das wohl nicht zu verhindern war, aber vielleicht hätten wir uns besser absprechen sollen. Von diesem Wermutstropfen abgesehen, war das Trainingswochenende aber ein voller Erfolg und hat riesen Spaß gemacht. Danke an die Köche und Bäcker für Höchstleistungen, danke an die tolle Truppe insgesamt, danke Cottbus . . .
. . . und natürlich besonderen Dank an die gesamte Familie Flehmig. Hoffentlich haben wir keinen absolut vernichtenden Eindruck hinterlassen, auf dass wir vielleicht im nächsten Jahr wieder Eure Gastfreundschaft genießen dürfen.
Viele Grüsse, max
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