oder: Was tun auf Hawaii zwischen 2 Tagen der Ironman-Weltmeisterschaft?

Als sich Manu bereits 2021 in Hamburg für die Teilnahme am Ironman Hawaii 2022 qualifizierte, eröffnete sie mir die Möglichkeit, die Tür zu einem längst gehegten Gedanken noch etwas weiter aufzustoßen. Neben der Freude, sie einmal mehr bei diesem aufregenden und anstrengenden Abenteuer als Zuwinkender begleiten zu dürfen, reizte mich die größte hawaiianische Insel mit einem ganz anderen sportlichem Juwel. Der das Inselprofil prägende Mauna Kea bietet Tourenradlern einen der weltweit höchsten durchgängigen Anstiege, der sich auf Straße fahren lässt. Vom am Meer liegenden Hilo, Straßenhöhe 9m geht es ohne zwischenzeitliche Abfahrten bis zum oberen Teil des Observatorium-Komplexes auf 4180m. Und dort einmal hinauf zu radeln, lockte mich schon seit meinem ersten Besuch der Insel 2017.

Die Straße bietet maßgeblich asphaltierten Untergrund, der zwischen etwa 2800 hm und 3500 hm für 700hm durch eine in das Vulkangestein gefräste Dreck- bzw. Schotterstraße unterbrochen wird. Dies und Neigungen von bis zu 18% im letzten Drittel lassen zwar von der Nutzung eines reinrassigen Rennrades abraten. Aber mit einem Gravel-Bike schien eine Inangriffnahme bei breiterer, profilierter Bereifung und größerer Übersetzungsabstufung dynamisch machbar.

Mit gefälltem Entschluss galt es nun die im Zusammenhang stehenden logistischen und sportlichen Aufgaben ins Auge zu fassen. Die Radleihe ist in verschiedenen Bike-Shops auf der Insel möglich, konnte aufgrund befristeter Online-Leihkalender aber erst etwa 1 Monat vorher erfolgen. Über den Zeitraum der Ironman-WM ist das eine kleine Wackelnummer, da der Bedarf an Leihrädern aller Art unüblich hoch ist. Die Kosten liegen dann bei 50-60 Euro am Tag.

Entsprechend zurückliegender Touren ließ sich für Rennradnutzung eine Anstiegsgeschwindigkeit (in herkömmlichen Höhenlagen) von etwa 600 hm/h annehmen, was zu einer Belastungsdauer im Anstieg von über 7h führen würde, wenn das Rad zudem schwerer und beladener ist. Das eröffnete für die Zeit allein einen voraussichtlichen Flüssigkeitsbedarf von etwa 5 Liter (0,75 Liter/h). Daraufhin hieß es 3 zusätzliche Flaschenhalter mit Adapter zu beschaffen und das Einrichten eines Getränkedepots im Bereich der Halbzeit einzuplanen. Die Kohlenhydratzufuhr sollte über in den Flaschen aufgelöstes Maltodextrin und Oatsnacks erfolgen.

Ein Blick auf die Klimadaten zeigte eine zu erwartende Temperaturspanne von 30 Grad am Startpunkt bis lediglich 6 Grad auf dem Gipfel und unberechenbares Inselwetter. Das bedeutete notwendigerweise die Mitnahme ausreichender Kleidung. Auch da bei der anschließenden Abfahrt mit wenig wärmender Bewegung zu rechnen sein würde. Eine im Haushalt bereits vorrätige Lenkerpacktasche bot dafür ausreichendes Volumen.

Die schon o.g. voraussichtliche Belastungsdauer, bedeute, dass sich die Sache nicht einfach aus der Hosentasche schütteln lassen würde. Tatsächlich hatte ich demzufolge ein Jahr lang in die Pedale getreten, wann immer es ging und Rennrad, MTB und Ergometer bereits ohne die täglichen Pendelstrecken zur Arbeit ca. 10.000 km abgerungen. Dabei ließen sich im 4-wöchigen Sommerurlaub etwa bis 1,5 Monate vor dem Projekt erhebliche Höhenmeter sammeln. Mit der Belastungserfahrung dieser Bergfahrten intensivierte ich dann auch das Rückenathletiktraining, um der erhöhten Anforderung in diesem Muskulaturbereich gerecht zu werden.

Als letztendlicher Scharfrichter über das Gelingen blieb die Höhenverträglichkeit ein unberechenbarer Faktor. Die Zeit für eine sichere Anpassung war nicht gegeben. Nur 1 Woche Aufenthalt war auf der Insel geplant, und die Tour eben zwischen den Ironman-Wettkämpfen bereits am 5 Tag.

An den ersten 3 Tagen bis zum Trip rollte ich nur kurze Strecken. Auch wenn der 12-Stunden-Zeitversatz mental keine Auswirkungen mit sich brachte und muskulär alles wie immer zu sein schien, schlug der Kreislauf, aus dem Tag-Nacht-Rhythmus gebracht und mit hoher Luftfeuchte und Hitze konfrontiert, Purzelbäume, was sich in einer Herzfrequenz von anfänglich 25 Schlägen/min mehr zu den Erwartungswerten (bemessen an den Leistungswerten im Grundlagenbereich) ausdrückte. Am Tourtag selbst waren das immer noch etwa 7-10 Schläge zu viel und erst 2 Tage später am Abreisetag war das Normalniveau erreicht.

Für den Antritt der Fahrt selbst wurde ich am Tag zwischen den beiden Ironman-Weltmeisterschaftsläufen (Do-Frauen, Sa-Männer) von meinen lieben Gastgebern Manu und Enrico früh um 06.00 Uhr auf die andere Inselseite nach Hilo gefahren. Unterwegs richtete ich an ausgesuchter Stelle ein Getränkedepot ein, um die Flüssigkeitsversorgung sicherstellen zu können. Und kurz nach 07.30 Uhr konnte es bei sonnigem und windstillem Wetter losgehen. Das erste Viertel (hm) führt durch die weitere Ortslage von Hilo und ist vegetativ und auch aufgrund der urbanen Eindrücke der abwechslungsreichste Abschnitt. Entsprechend der sich mit der Höhe fortlaufenden Änderung der klimatischen Bedingungen wurden die optischen Impressionen zunehmend karger.

Energetisch hatte die Vorbereitung augenscheinlich genügt und die Ausdauerleistung stellte weder physisch noch mental überhaupt eine Schwierigkeit dar.

Die erste Pause erfolgte gezwungenermaßen zum Auffüllen der Flüssigkeiten am Depot bei 1900hm. Bis dahin hatte ich 4 Flaschen (3 Liter) aufgebraucht. Weitere 4,5 Flaschen waren dann bis zum Gipfel nötig.

Die nächste Pause erfolgte beim Visitors-Center bei etwa 2800 hm. Hier bestand eine Straßensperre durch Ranger. Die Ansprache, die mich auf zu erwartende Unwetter mit Wind und möglichem Schneefall hinwies, ließ mich ob der möglichen Forderung eines Abbruches der Tour bereist schlucken. Allerdings wurde die Weiterfahrt zu meiner Freude der eigenen Entscheidung überlassen. Lediglich galt es ein Formblatt auszufüllen, um die Notfallkontakte zu erfassen und meine spätere unversehrte Rückkehr vermerken zu können. Eine vernünftige Einrichtung.

Bis zu diesem Punkt betrug die Neigung des Anstiegs alle positiven Werte bis etwa 14 Prozent und moderates Fahren war durchweg möglich. Ab nun wurde es im Durchschnitt steiler bei 9-18% und aufgrund der 700 hm gefräster Schotterstraße stieg der technische Anspruch erheblich. Wegen des losen und teilweise weichen Untergrundes im Zusammenhang mit der Neigung sank das Tempo bis auf 3,5 km/h ab und Balancefähigkeiten wurden unabdinglich, wenn man durchfahren und nicht schieben wollte. Um die nötige Traktion und Kontrolle zu behalten, ließ ich ausreichend Luft von den Reifen.

Bei einer Höhe von 3200 hm erwischte ich bei der dritten Pause den optimalen Zeitpunkt um lange/ warme Kleidung anzuziehen. Bis dahin war kurz/kurz angesagt und nur am Getränkedepot hatte ich eine Funktionsshirt zwischengezogen.

Nun wurde auch die Höhe anhand ansteigender Herzfrequenzwerte bemerkbar, was eine zunehmende Tempokontrolle erforderte, um die Dauerleistungsschwelle in den steilsten Teilstücken nicht zu überschreiten. Zeitweise musste ich nun Zick-Zack über die gesamte Straße fahren, weil die Gänge für den direkten Weg nicht genügten. Zur gelegentlichen wenn auch kurzfristigen Absenkung der Herzfrequenz entschloss ich mich 5/6 Mal zu kurzen Pausen (20-120s) und nutzte diese zudem, um weitere Kleidungsteile (Handschuhe, Weste, Überschuhe, Mütze) bei sehr kurzen Graupelschauern anzulegen.

Ab 3500 hm wurde es aufgrund der wieder beginnenden Asphaltdecke bei gleichbleibend starker Anstiegsneigung technisch etwas leichter.

Der Gipfel im Bereich der Observatoriumsanlagen war dann nach 68km etwa 100 hm eher erreicht als erwartet, weil der Höhenmesser scheinbar nicht ganz perfekt anzeigte.

Der Summit liegt neben der Straße noch ein paar Meter höher bei 4205m, darf aber nicht begangen werden, da es sich um einen heiligen Ort handelt. Auch wäre zum Erreichen noch eine Senke zu durchqueren, die den bis dahin vehementen Anstieg unterbrochen hätte.

Aufgrund der Bewölkung die am Aufstiegstag vorherrschte, war leider keine besondere Weitsicht möglich. Der Wind spielte gar keine Rolle. Die Gipfelbewölkung und der Temperaturabfall nach oben hin führten, wenn überhaupt, zu leichten den Aufstieg begünstigenden Aufwinden.

Ohne Pausen betrug die Fahrtzeit für die gesamte Aufwärtsstrecke 7h 23 min.

Auf dem Gipfel angelangt, hatte ich kurz Kontakt mit Manu und Enrico, die sich für mehrere kleinere Touren zu verschiedenen Natur-Hotspots entschieden hatten. Sie berichteten, dass es weiter unten regnen würde. Weil auch die Tageszeit schon weit vorangeschritten war, so dass die Fahrt bis zur Unterkunft (ca. 85km (45km bergab) im Hellen nicht mehr zu schaffen schien, ließ ich mich nach etwa 2300 hm Abfahrt am „Getränke-Depot“ von ihnen aufnehmen.

Nachdem die Bedingungen als gut und die letzten 1000 hm hinauf als ziemlich hart zu bezeichnen waren, ging ich doch Recht zufrieden aus der Nummer heraus. Insbesondere die unberechenbare Größe: „Höhenverträglichkeit“ hatte keinen Strich durch die Rechnung gemacht.

Drei zu bedienende Stellschrauben würde ich jedem empfehlen, der das ebenfalls in Angriff nehmen möchte.

Zuerst die Akklimatisierung von mindestens 7 Tagen vor der Auffahrt, dann den Start in Hilo bereits 1h eher, gegen 06.30 festzusetzen, um dann auch die etwas längere Abfahrt und Anschlusstour in Richtung Kailua-Kona noch genießen zu können. Und falls möglich, mit einer MTB-Übersetzung zu fahren (Z.B. MTB, Hardtail mit Semi-Slicks), was die Kraftdosierung im obersten Abschnitt einfacher macht und den technischen Anspruch dort erleichtert.

Nun muss ein neues Ziel her. Wer eine Idee zu einem ähnlichen Projekt hat, ...

Jörg

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